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Als er mich bat, heute Abend eine Rede zu halten,
sagte ich Chemao spontan zu. Nicht nur, weil ich
seine Bilder mag, das auch, aber auch, weil das
für mich die einzige Möglichkeit ist, mich auf
Vernissagen nicht abgrundtief zu langweilen…
Vor den Kunstgenuss haben die Götter ja
erfahrungsgemäß die Werkeinführungen gestellt…
Ich freue mich deshalb also heute eingeladen zu
sein, um dem kulturverwöhnten, aber gelegentlich
auch verständlicherweise verwirrten Publikum,
das Werk und Schaffen eines zeitgenössischen
Künstlers nahezubringen
und die damit verbundene Lobhudelei einigermaßen
kurzweilig zu gestalten.
Das ist nicht immer ganz leicht, wenn man über
eine so ernste Angelegenheit zu reden hat, wie die
Kunst.
Im Grunde genommen ist ohnehin nichts schwieriger,
als in das Werk eines noch lebenden Künstlers
einzuführen, meist ist derselbe nämlich anwesend,
und erwartet, das sein schaffen in worte gefasst
wird die mindestens so unverständlich sind, wie
sein gesamtes Werk - mit Ausnahme der
Kinderzeichnungen.
die meisten künstler unserer zeit wollen
unverstanden sein, und müssen es auch,
schon allein damit sie nie in die verlegenheit
kommen, erklären zu müssen, warum ihnen,
beispielsweise für das vertikale aufstellen einer
stahlbramme auf einer abraumhalde, millionen
gezahlt werden, während anderen, die mit der
gleichen bramme den raum der werkhalle bei thyssen
horizontal und wahrhaft durchdringen, nur 10 , 35
die stunde bekommen. Wenn überhaupt.
Ich habe Nacir Chemao gleich gesagt, dass er von
mir nichts Akademisches wird erwarten können, da
ich so gesehen aus der Kunst schon lange
ausgetreten bin.
Hinzufügen möchte ich heute, dass ich der
Auffassung bin, dass seine Kunst keiner
Einführung braucht.
Es gibt’s nicht, in das wir eingeführt werden
müssen,
Sie können sich getrost vor ein Bild stellen und „Boh
watt schön!“ sagen.
Sie können sich auch davorstellen und sich was
Tolles dabei denken.
Sie können sich aber auch ärgern, einfach rumdrehn
und weggehen.
Denn, so sagt Chemao selber:
Was die Duisburger in meinem Werken sehen, das
bleibt ihnen überlassen.
Er überlässt das nicht nur den Duisburger – auch
den Mülheimern und Oberhausenern überlässt er es :
von mir, als Teilzeit-Hamburgerin, erwartet er
allerdings, dass ich das hier auch ausspreche.
Weil ich immer alles ausspreche.
Wir haben vieles gemeinsam, ganz besonders unsere
Liebe zu Duisburg verbindet uns, die wir beide ja
hier nicht gebürtig sind, aber was das Aussprechen
angeht, da bin ich so ganz anders als er. Wo er
gefühlvoll pinselt, komm ich gleich mit dem Quast.
Er versucht übrigens schon eine ganze Weile
herauszufinden, was ich denn wohl tatsächlich
denke, sieht meiner Lautmalerei genauso zu, wie
ich ihm, wenn er auf die Leinwand bringt, worum
ich viele Worte mache – aber was ich von seinem
Schaffen halte, was ich denke - Ich hab`s ihm nie
gesagt…
Wie auch?
Ich denke ja jedes Mal etwas anderes.
Manchmal auch gleichzeitig das Gegenteil.
Das ist dann immer besonders verwirrend.
Da sind Gedanken von tausend und einem Bild.
Und vielen Spiegeln
Es war einmal …
bei einem Bummel durch den Kantpark, als ich
sein Atelier entdeckte.
Ich hatte für ein regionales Szenemagazin einen
Artikel zu schreiben, sollte eine Ausstellung
besprechen und war auf der Suche nach einem
geeigneten Objekt im Lehmbruck-Museum fündig
geworden, bekam aber keine Pressemappe.
Ich war also unverrichteter Dinge wieder
abgezogen, als ich an der Cubus-Kunsthalle vorbei
ging, wo Herr Chemao zu dieser Zeit noch sein
Atelier hatte.
Im Fenster stand ein Bild, dass mir auf eine
seltsame Art vertraut vorkam.
Großformat, an einem langen Tisch unter einem Baum
saßen die Duisburger im Kantpark und feierten.
Es stand zwar nirgendwo, dass es sich bei den
Feiernden um Duisburger handele, auch könnte der
abgebildete Baum durchaus woanders gestanden
haben, dennoch war ich sicher: dies ist meine
Stadt. Dies sind meine Duisburger.
Da war noch viel mehr durch das Fenster zu sehen:
Abstraktes neben Konkretem, da gab es Monochromes,
Buntes und ein Blau, wie ich es noch nie gesehen
hatte, und dann waren da diese runden, Dicken, da
waren Hühner und Bäume und Pferde …. Da war … jede
Menge.
Durcheinander und Nebeneinander, Eigenständiges
und an die Wand gelehntes,
da war viel vertraut und manches fremd und
mittendrin war ein quirliger Mann mit neugierigen
Augen, die mich gleichermaßen an ein Wiesel wie an
einen alten Fuchs erinnerte.
Es war kurz vor Mittag, es war heiß, die Tür stand
auf, Kunst musste her, eine Ausstellung, die sich
besprechen ließe und ich brauchte sie schnell.
Ich ergriff die Chance und die Türklinke, fing mir
ein paar dieser neugierigen Blicke ein, und
hangelte mich daran entlang in das Atelier.
Das war ungefähr der Moment, in dem Nacir Chemao
zu reden begann.
Er hörte etwa 1 Stunde lang nicht mehr auf.
Es fing damit an, dass er mir eine Geschichte
erzählte von Harun al Rashid und einem großen
Stein auf irgendeiner Kreuzung und endete mit
einem Huhn vor dem Rathaus. Jedes zehnte Wort war
„paradox“, zwischen durch vielen ein, zwei Bombas,
und das alles hatte wohl irgendwas mit seinen
Bildern zu tun oder aber auch nicht: ehrlichgesagt:
ich verstand nichts.
Er sprach schneller, als ich ihm hinterherdenken
konnte.
Andrerseits hatte ich alles
verstanden, denn auf einer anderen, einer
intuitiven Ebene, wusste ich sehr wohl, was er da
tat.
Intuition ist zwar die höhere Form der Logik -
aber damit allein ließ sich kein Artikel zu
schreiben. Das wäre fatal, denn der
Redaktionsschluss drängte und mein Vermieter
wollte sich immer noch nicht mit Lyrik bezahlen
lassen…
Er redete und redete.
Jetzt war er bei Kant. Streifte Hegel. War bei
Beuys. Und dann beim Zahnarzt. Dazwischen ein
paar Kunstpausen.
In jeder hatte ich einen Satz angefangen, ohne ihn
jedoch zu Ende bringen zu können…
Jetzt rang er gerade um ein Wort, ein deutsches
Wort und betete dazu ein französisches unablässig
vor sich her und sah mich dabei fragend an.
Prompt fiel ich auf die Finte herein, half bei der
Übersetzung und das war genau der Moment, von dem
an ich gar keine Chance mehr hatte, das was er tat
und tut jemals sprachlich zu fassen…
Denn seit jenem Moment wechselt er in unseren
Gesprächen fließend die Sprachen Voltaire mag
französisch gesprochen haben – mein Name ist
Müller.
Aber eins hatte ich allemal begriffen: Der Typ war
– im Wortsinne - völlig verrückt, was mich aber
nicht weiter beunruhigte – dass kannte ich schon
von mir.
Ein guter, ein produktiver Zustand …
Mir schwirrte dennoch der Kopf, zwar war mir nicht
blümerant, aber ich fühlte mich Blau, Chemao-Blau.
Draussen sackte ich im Cafe Stein zusammen und
ordnete nach einer Weile die Notizen, die ich mir
gemacht hatte. Ein paar Stichworte nur:
Ethik. Ästhetik. Paradox.
Paradox vor allem.
Der ganze Mann war paradox. Ein lebendig
gewordenes Fragezeichen,
ohne Punkt und Komma….
Den Artikel habe ich damals geschrieben.
Für 45 DM fasste ich alles flott zusammen, packte
es in eine hübsche
schöngeistige Luftblase und schwadronierte mit den
üblichen salbungsvollen Worten über Kunst, deren
„ständiger Wechsel programmiert ist“, von
„Avantgarde, die „seismographisch vorausschauend
Entwicklung visualisiert“, packte dann kostenlos
noch ein „Bewegung zwischen Theorie und
Artikulation“ und die „Ikonographie der Bilder
gratis oben drauf und war zufrieden.
Nacir Chemao auch. Ich bin sicher, er hat
gegrinst, als er das las. Ich bin sicher, er
grinst immer, wenn Andere versuchen zu erklären,
was sich mit Worte kaum fassen lässt – aber mit
Pinsel und Farbe.
Er selbst erklärt übrigens auch gern und viel und
widerspricht sich dabei scheinbar unablässig, aber
mit einer Perfektion, die den geübten Zuhörer
nicht an Zufall glauben lässt.
Meist jedoch bleibt er im Begrifflichen. Zitat:
Ein Paradoxon ist eine zugleich wahre und falsche
Aussage, ein Zustand des Schwebens zwischen
Polaritäten, die sich jeglicher wertenden
Zuordnung entziehen. RATIO, VERSTAND, LOGIK,
scheitern bei zu Erfassen dieser paradoxen
Zustände. Das Wesen des Paradoxons ist nicht
absurd, sinnentleert, sondern offenbart mehrere,
sich widersprechende Sinngebungen und stellt sich
nicht selten als das gegen den Geglaubten
Zuwiderlaufende dar.
Watt damit gemeint is, is am Ende folgendes:
Sowohl datt Huhn, als auch datt Ei waren zuerst
da.
„Basierend auf dem Wissen, dass nichts absolut
ist, dass jede Wahrheit ihre Antipode, jede These
ihre Antithese hat, gilt es für den Künstler weder
mit den Paradoxien auf sophistischer Weise zu
jonglieren, noch fanatisch auf Standpunkten zu
beharren. Das Aufzeigen von Paradoxalen
Daseinszuständen, der materiellen und geistigen
Auffassung, sollte sich in einer Verantwortung zum
Gegenüber realisieren.
Watt er sagen will is: Wenne begriffen hass, datt
beide, Huhn und Ei, zuerst da waren, isset müßich
dadrübber rumzuphilosophiern, ob die Letzten nich
au noch die ersten sein werden oder datt eh alles
egal is, weil beide im Pott landen. Bring lieber
beiden, Hühner wie Eiern, diesen Umstand schonend
bei.
Aber weiter:
PARADOXART bringt das Prinzip der Ethik in die
Kunstdiskussion ein.“
Bezieht sich das Paradoxon auf das „WAS“, das
Subjekt, das Thema des Künstlers, so antwortet die
Ethik auf das „WIE“, die Realisierung, die
Technik, das Material. Wie kann das „WAS“
bestmöglichst gemacht werden, um eine Aussage für
den imaginären Betrachter rezitierbar zu
gestalten.
Also, datt is gezz schon bisken schwieriger …ich
sach ma so: datt müssense gezz mehr so … mit dem
Knie denken.
Also: wenn klar is, datt Du gezz Hühner und Eier
ohne Ende malen willß,
empfiehlt et sich zu übberlegen, oppe datt
Porträt vom Huhn mit Feder und Blut auffe
Eierschale malen willß odder oppe nich einfach
lieber maa zu Maaderhaarpinsel, Öl und Leinwand
greifß, damit sowohl Hühner als auch Eier sich
deine Bilder angstfrei ankucken können.
So. Datt waret.
Paradoxart. Datt is alles. Ein bisschen paradox
vielleicht,
aber wir sind ja alle ein bisschen dada…
Er macht das Paradoxe sichtbar. Mit Ethik. Und
Ästhetik.
Die Ethik ist von ihrer Zielsetzung her eine
praktische Wissenschaft. Es geht ihr nicht um ein
Wissen um seiner selbst willen, sondern um eine
verantwortbare Praxis. Sie soll dem Menschen (in
einer immer unüberschaubarer werdenden Welt)
Hilfen für seine sittlichen Entscheidungen
liefern. Die Ästhetik (gr. aísthesis:
Wahrnehmung) wird häufig mit der Lehre von der
Schönheit
gleichgesetzt. Die Philosophie ist inzwischen von
diesem Verständnis abgerückt, versteht „Ästhetik“
als die
Theorie und
Philosophie
der sinnlichen
Wahrnehmung
oder aber als soziologische Theorie von der
Kunst.
Demnach entscheiden über den ästhetischen Wert
eines Objekts nicht die Begriffe „schön“ und
„hässlich“, sondern die Art und Weise der
Sinnlichkeit
und Sinnhaftigkeit in Verbindung mit dem
Zeichensystem
des Objekts.
Da Nacir Chemao neben Architektur und bildender
Kunst an der Sorbonne auch Philosophie studiert
hat, können wir getrost davon ausgehen, dass ihm
beide ,alte, wie neue Lesart vertraut sind. Sein
Philosophiestudium hat ihn jedoch sichtbar nicht
davon abhalten können, „schöne“ Bilder zu malen,
ästhetische Bilder, die man sich durchaus an die
Wand hängen kann, ohne Asthmaspray oder den
Kanister mit Herztropfen ständig in Griffweite
haben zu müssen.
Paradox. Ethik. Ästhetik.
Das Paradoxe sichtbar gemacht, mit ethischer
Verantwortung und dem Sinn für Ästhetik, das ist
es, was er tut.
Paradox. Ethik. Ästhetik. Das ist, was ich in
seinem Schaffen sehe.
Was wir sehen, das überlässt er uns. Er hat es
uns gegeben.
Was wir damit anfangen, ist unsere Sache.
Er fühlt uns allen auf den Zahn der Zeit, er
bohrt - aber er tut nicht weh. „Paradoxart“.
Und jetzt, wo er mich das zu beschreiben gebeten hat, um es
Ihnen weiterzugeben, da habe ich es endlich auch
richtig verstanden. Vielleicht ist es ja das, was
er will. Das wir begreifen. Dann ist er obendrein
ein guter Lehrer. Und: Wer war zuerst da? Der
Künstler? Der Lehrer? Und: Ist jeder Mensch ein
Hühnstler? Paradoxart.
Das Zeitalter ist aufgeklärt, das heißt, die
Kenntnisse sind gefunden und öffentlich
preisgegeben, welche hinreichen würden, wenigstens
unsere praktischen Grundsätze zu berichtigen; ...
- woran liegt es, daß wir immer noch Barbaren
sind?"
fragte Schiller vor langer Zeit. Chemao malt
diese Frage heute mitten hinein in unseren Alltag.
Kann es sein, dass er auch Antworten malt?
Das herauszufinden, überlass ich jetzt Ihnen. Ich
wünsche Ihnen viel Vergnügen, interessante
Begegnungen und ein Herz für die Kunst…
von Mimi Müller
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